Ein innerer Prozess wird angestoßen

Über Street Art wollte ich bereits seit längerer Zeit einen Beitrag verfassen, weil mich diese Kunstform sehr beeindruckt und inspiriert.

Zwar schaffe ich selbst keine Street Art, aber ich glaube, dass es auch okay ist, als neugierige Fußgängerin und aktive Schriftstellerin meine Gedanken dazu mit euch zu teilen.

Denn Schreiben fängt für mich bereits lange vor dem Zücken des Kugelschreibers an oder dem Öffnen einer LibreOffice-Datei.

Zuerst muss ein innerer Prozess angestoßen werden − und Street Art bringt die Rädchen in meinem Künstlerinnenuhrwerk besonders gut zum Drehen.

In diesem Beitrag erfahrt ihr deshalb, auf welche Weise Street Art mein Schreiben beeinflusst.

Den Frühling mit einer rosa Flagge begrüßen

Der erste Winter, den ich in Berlin erlebte, war eisig kalt. Er dauerte eine gefühlte Ewigkeit und noch im April suchte ein fieser Schneesturm die Stadt heim.

Als er endlich vorüber war, hängte ich im ersten warmen Frühlingssonnenschein ein rosa Bettlaken unter meinem WG-Fenster auf.

Darauf hatte ich mit schwarzem Edding in dicken Linien mein Fahrrad gemalt und daneben so etwas Ähnliches geschrieben wie „Mein bester Freund in der Stadt“.

Jeder, der unter meiner Wohnung vorbeilief, sollte wissen, dass ich mit meinem geliebten Bike unterwegs war − die Kältemonate waren vorbei, und ich konnte endlich losziehen und Berlin entdecken.

Eine kostenlose Kunstgalerie direkt vor der Haustür

Meine freien Nachmittage im Frühling und Sommer nutzte ich, um durch die Straßen Friedrichhains und Kreuzbergs zu treiben.

In diesen beiden Bezirken war ich am liebsten unterwegs, weil sie auch die nächsten von meiner Wohnung waren.

Ich lebte in einer der sogenannten Stalinbauten am U-Bahnhof Weberwiese und hatte damit eine kostenlose und zu jeder Tages- und Nachtzeit geöffnete Kunstgalerie direkt vor der Tür.

Fotos in meiner silbernen Kompaktkamera

Während meiner Erkundungstouren radelte ich ein bisschen durch die Gegend. Nach einer Weile ließ ich mein Bike irgendwo stehen, um zu Fuß weiterzugehen oder weil ich etwas Neues entdeckt hatte.

Manch einer könnte glauben, dass ich mit dem ziellosen Durchstreifen der Stadt meine Zeit verschwendete.

Nun, ich sage mal so: Ja. Irgendwie schon, je nach dem, wie man es sieht. Ich finde Nein.

Mit meiner silbernen Kompaktkamera schoss ich hunderte Fotos von Schriftzügen und Figuren auf Häuserwänden, Gehwegen und Mauern, die heute verschwunden sein werden. Vielleicht wurden sie übermalt, überklebt, abgerissen oder die Gebäude, die ihnen als Leinwand dienten, stehen nicht mehr.

Dafür befindet sich heute ein kleiner Bildschatz auf meinem PC, mit dem ich die verschwundene Street Art in F-hain und Xberg im Sommer 2010 dokumentiert habe.

Mit offenen Augen durch die Stadt gehen

Dass es die Bilder, die mich damals so faszinierten, sehr wahrscheinlich nicht mehr gibt, könnte man bedauern. Und ja, es ist irgendwie schade, dass man sich nicht mehr an ihnen erfreuen kann.

Aber es wird auch immer etwas Neues geschaffen.

Es ist vor allem ihr vergängliches Wesen, das mir an Street Art so gut gefällt.

Sie bezweckt etwas, ohne einem Zweck dienen zu wollen. Damit meine ich, dass sie uns als Bewohner:innen der Stadt indirekt die Frage stellt:

Willst du mit offenen Augen durch die Straßen gehen?

Street Art macht uns ein Angebot, das wir ausschlagen oder annehmen können:

Staunt jetzt über dieses Bild, oder überseht es. Haltet eine Sekunde inne, oder hastet weiter.

Auf die Literatur übertragen, sollte ein gutes Buch den Leser:innen dieselbe Frage stellen und auch in der Lage sein, ihnen ein solches Angebot zu unterbreiten.

Ich arbeite daran, dass die Leser:innen während der Lektüre meiner Geschichten ab und an innehalten wollen, weil ihnen die einzelnen Worte und Sätze so gut schmecken.

Kunst, die wie Löwenzahn wuchert

Street Art will nicht konserviert werden, sondern kann unter freiem Himmel kostenlos bestaunt werden. Es gibt keine Vorgaben, nichts und niemand kuratiert außer vielleicht die Gegebenheiten der Gebäude.

Sie entsteht, ohne um Erlaubnis zu fragen.

Offensichtlich bringt strukturelle Regellosigkeit die Fantasie der Künstler:innen zum Wuchern.

Wie Löwenzahn beleben ihre Bilder und Texte Häuserwände, Mauern und Gehwege.

Knallige Mischmaschfauna

So blicken Gestalten, deren Gesichter im Schatten liegen über Torbögen denjenigen entgegen, die das Gebäude betreten. Sie sind anonyme Beobachter, aber bewachen nicht.

Durchgeknallte Aliens kriechen hinter einer vergitterten Türe vorbei, die den Zugang zu einem verfallenen Haus verhindern soll, in das man längst eindringen kann, indem man über die zerstörte Hauswand klettert.

Gehörnte Fabelwesen geben historischen Persönlichkeiten die Hand, wilde Tiere verschlingen Blumenkästen, kriechen in Briefschlitze, verstecken sich unter der Treppe eines Wohnhauses.

Wie Efeu tasten sich unverständliche Worte, Namen und Gedichte über das Mauerwerk.

Die blühende Fantasie der Street Artists erfindet zur realen Stadtlandschaft eine knallige Mischmaschfauna, die mal zum Lachen bringt, mal zum Nachdenken anregt und immer überrascht.

Ich will eine Efeufantasie kultivieren

Übrigens finde ich es sehr passend, Street Art mit Efeu oder Löwenzahn zu vergleichen.

Hat eine:r angefangen etwas zu kritzeln, zu schmieren, zu pinseln, zu kleben, zu sprayen, zu stricken, steigen bald die nächsten ein und keiner weiß, ob und wie es enden wird.

Letztendlich ist diese Hauswand nun an von der Kunst vereinnahmt.

Ich habe nie kreatives Schreiben studiert, musste ich auch nicht, weil die Berliner Street Artists meine Dozenten waren.

Von ihnen kann man sich wunderbar abgucken, wie eine besondere Art der Fantasie funktioniert, die ich Efeufantasie nenne.

Sie stellt ein kraftvolles Rhizom dar, das in einen gekünstelten Garten voll übergezüchteter Genreliteratur eindringt.

Gemächlich sprengt es das mit Tropes zubetonierte Überangebot auf Amazon und der Bücherläden in den Bahnhöfen des Landes bis sich schließlich die Leser:innen zu Tode gelangweilt abwenden von Floskeln, Allgemeinplätzen und Klischees. Ihr Interesse hat eine neue Art von Literatur geweckt, endlich gibt es wieder raffinierte Geschichten voll neuer, unverbrauchter Ideen.

Schräge Gestalten, ungleiche Freunde

Wirklich − ich liebe diese schrägen Gestalten, die sich auf einen bespannten Keilrahmen niemals getroffen hätten. An einer Hauswand hingegen finden sie als verrückte Paare zusammen.

In meinem ersten Buch − ein Jugendroman, dessen Arbeitstitel TRAUMHAFT lautet − bilden sich ebenfalls schräge Paare und es entstehen überraschende Freundschaften.

Meine Hauptfigur Luna Krachitz zum Beispiel freundet sich mit den Nebelkrähen aus ihrem Kiez an.

Eine dazu passende Stelle aus meinem Buch habe ich als Leseprobe auf meiner Webseite unter „Bücher & Projekte“ hinzugefügt.

Zeit im Überfluss

Die Idee von einem Mädchen, das sich mit Krähen anfreundet, hätte ich vielleicht verworfen, wenn ich nicht früher die ungewöhnlichen Gestalten an Berlins Häuserwänden kennengelernt hätte.

Street Art hat definitiv mein ästhetisches Empfinden geprägt, das sich jetzt Raum in Form von Literatur verschafft.

Dass ich meine freien Nachmittage im Sommer 2010 mit Spazierengehen füllte und nicht mit einem Praktikum für Ichweißnichtwas, legte den kreativen Samen für die schriftstellerischen Projekte, über die ich hier erzähle.

Damals ahnte ich das noch nicht, ich tat es einfach aus Lust und Laune. Ich dachte nicht darüber nach, ob ich die „Ressource Zeit“ verschwendete oder ob ich sie besser in etwas „investierte“, das in späteren Erfolgen fruchten sollte.

Zum Glück. Meine Leichtigkeit war unangepasst, glaube ich. Auf alle Fälle brachte sie mich zum Schreiben.


👍❤️🙂

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Deine Mira Farland

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