Nach einem flotten Start folgten Zweifel
Die erste Idee für eine Geschichte hatte mich ergriffen − und sie drängte, ausgebaut und zu Papier gebracht zu werden. Zuvor hatte ich mich theoretisch mit unterschiedlichen Arbeitsweisen berühmter Autoren beschäftigt.
Welche würde mir wohl am besten helfen, eine Geschichte von Anfang bis Ende zu schreiben?
Wie genau sich meine einzelnen Schreibphasen methodisch unterschieden, stelle ich euch im Folgenden vor.
Plotter oder Pantser − wer schreibt schneller und besser?
Autoren werden aufgrund ihrer unterschiedlichen Arbeitsweisen gerne in zwei Lager unterteilt: in Plotter und Pantser.
Erstere konstruieren vor dem eigentlichen Schreiben die Handlung (daher der Name: Sie plotten), erstellen Portraits aller Figuren, skizzieren die Welt und durchdenken alle darin verflochtenen Konflikte.
Der Autorentyp namens Pantser − eine freie Übersetzung könnte sein: „jemand, der sich auf den Hosenboden setzt“ − beginnt ohne Vorarbeit mit dem Schreiben. Das Plotten und Worldbuilding holt er später, im Laufe des Schreibprozesses, nach.
Zwei berühmte Autoren gegenübergestellt
Plotter oder Panster − wer ist nun der produktivere Autor?
Kai Meyer: ein Grundgerüst mit den ersten Ideen bauen
Der deutsche Autor Kai Meyer hat in den 30 Jahren seiner Karriere über 50 Romane für Jugendliche und Erwachsene geschrieben.
In einem Interview berichtet Kai Meyer, dass er zuerst alle Ideen, die er für seine Geschichte sammelt, notiert. Anschließend trennt er die brauchbaren von den unbrauchbaren und siebt letztere aus. Die verbliebenen Ideen sortiert er dramaturgisch wie chronologisch. Es kann Tage bis Wochen dauern, in denen Kai Meyer seine Notizen hin- und herschiebt, bis er mit dem Grundgerüst für den Roman zufrieden ist.
Margret Atwood: wie eine Skiläuferin, die steil bergab fährt
Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood ist unter anderem für Werke wie Oryx und Crake und Hexensaat berühmt. Sie hat über 60 Bücher veröffentlicht.
Wie schafft sie es, einen so großen Output zu liefern? In der Dokumentation „The Handmaid’s Tail − Margaret Atwood − Aus Worten entsteht Macht“ erfährt der Zuschauer, dass sich die Autorin mit einer Skiläuferin vergleicht, die steil bergab fährt. Sie möchte beim Schreiben schnell vorwärtskommen, weshalb sie erst nach der ersten Fassung mit dem Überarbeiten beginnt.
Drafting nach Steven King
Eine weitere Methode stellt der US-amerikanische Autor Steven King in seinem Buch Das Leben und das Schreiben (On Writing) vor.
Steven King verfasst keine detaillierten Plots. Das Ende schon vor dem Fertigstellen des ersten Entwurfs zu kennen, ist ihm zuwider. Stattdessen wirft er seine Charaktere in eine Situation, die mit in einem Satz knapp dargestellt werden kann. Über das tägliche, stundenlange Schreiben mündet die Ausgangssituation zügig in einem ersten Entwurf, den er nach einer kurzen Pause überarbeitet.
Diese Methode nennt Steven King Drafting.
Mein erster Impuls: losschreiben!
Da ich selbst vorher noch nie ein Buch geschrieben hatte, wusste ich zunächst nicht, welche Methode die richtige für mich wäre. Das verunsicherte mich, aber zugleich war ich auch sehr ungeduldig:
Meine Idee sollte schnellstmöglich an Substanz in Form von geschriebenem Text gewinnen. Am liebsten hätte ich mich in einen Oktopus verwandelt, um mit meinen acht Armen vier LibreOffice-Dateien gleichzeitig mit Inhalt zu füllen.
Vorab aufwendig zu planen und alle eventuellen Konflikte zu durchdenken schreckte mich deshalb ab. Mein erster Impuls war also pantserlike direkt loszuschreiben. Und das tat ich auch.
Viel Textmaterial durch Brainstorming
In meinem Fall konnte ich sehr bald feststellen, dass das zwanglose Vorgehen fruchtete. Die Ideen sprudelten nur so aus mir heraus. In einem anderen Beitrag nenne ich diese Arbeitsphase „Ausführliches Brainstorming“.
Nach einer Weile jedoch stellten sich Zweifel ein:
Käme ich aufgrund eines fehlenden Fahrplans bald an einen Punkt, an dem ich mich verirren und die Geschichte im Nirgendwo stranden würde?
Ich befürchtete, dass die Geschichte unvollendet bliebe − all die vorherige Mühe und investierte Zeit wären umsonst gewesen und ich persönlich entmutigt über den Fehlschlag.
Außerdem hatte ich mittlerweile so viel Textmaterial gesammelt, dass ich in Gefahr lief, den Überblick zu verlieren. Eine neue Arbeitsphase war angebrochen. Ich war an diesem einen Punkt angelangt, den Kai Meyer im Interview beschreibt: Ich musste Ideen aussortieren − und zwar auf der Grundlage eines Plots.
Chronologie: die erste Struktur konzipieren
Der Wunsch, das Brainstorming zu beenden und meine Ideen zu sortieren und auszusieben, überkam mich nach etwa fünfzig Seiten. Ich legte eine erste grobe Struktur an, die vor allem chronologisch, nicht dramaturgisch war. Dann begann ich, die inhaltlichen Lücken zu füllen, bis ich einen neuen Entwurf vorliegen hatte, in dem die Handlung einen zeitlichen Rahmen erhalten hatte.
Natürlich ergab sich daraus auch ein erster Plot, aber ich stellte fest, dass es der Geschichte noch zu sehr an Geschwindigkeit fehlte. Es wurde Zeit, mich der dramaturgischen Arbeit zu widmen.
Dramaturgie: den Spannungsbogen aufziehen
Die Handlung brauchte zu dem Zeitpunkt zwar keinen Ausgangskonflikt mehr, aber ein deutlicheres Ziel. Außerdem wollte ich mir über den Zweck der einzelnen Etappen klar werden.
Ich erstellte ein separates Textdokument, in dem ich die Entwicklung der einzelnen Konflikte bis zum Höhepunkt jeweils in kurzen Sätzen zusammenfasste.
Schön wäre natürlich auch ein Poster mit einem aufgemalten Spannungsbogen gewesen. Ich glaube, dass die visuelle Darstellung beim Plotten enorm hilft. Aber da ich nur abends und ausschließlich im Bildschirmlicht arbeiten konnte, musste das Textdokument ausreichen.
Durch das Zusammenfassen der Szenen konnte ich mir logische Fehler und inhaltliche Lücken besser vor Augen führen.
Die Arbeitsphase gab die Methode vor
In der ersten Arbeitsphase schrieb ich alles, was mir durch den Kopf ging, ohne Plot nieder. Das barg für mich unter anderem diese vier Vorteile:
- Ich erzielte schnell Ergebnisse, d.h. konkretes Textmaterial, mit dem ich weiterarbeiten konnte.
- Mit den steigenden Seitenzahlen wuchs auch die Motivation.
- Meine Figuren fühlten sich nicht wie Statisten eines vorgefertigten Plots an, sondern sehr lebendig.
- Es ergaben sich Plottwists, die mich selbst überraschten.
Mein Schreibprozess durchlief unterschiedliche Phasen. Schreiben wechselten sich ab mit Planen. Letztlich ergab sich die Methode mit der Arbeitsphase, in der ich mit dem Manuskript steckte − für mich war das eine sehr ausgeglichene Art zu arbeiten.
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