Objektives Urteil dringend gebraucht!
Nachdem meine Geschichte mehrere Entwürfe durchlaufen hatte, benötigte ich dringend eine Zweitmeinung.
Also entschied ich, das Manuskript an zwei Testleser:innen zu geben.
In diesem Beitrag erzähle ich euch, inwieweit meine Geschichte vom Feedback Außenstehender profitieren konnte.
Die richtigen Testleser:innen auswählen
Natürlich war ich nervös, als ich das Manuskript an zwei Testleser:innen weitergab: Damals arbeitete ich seit über einem Jahr an meiner Geschichte und ich befürchtete, mich bloßzustellen, falls sie ihnen nicht gefiel.
Könnte ich noch weiterschreiben, falls ihr Urteil zu kritisch ausfallen würde?
Deshalb sollten meine Testleser:innen Personen sein, denen ich vertraute, die aber auch keine Scheu hätten, konstruktive Kritik zu äußern.
Zwei Augenpaare sehen mehr als eines
Ich wollte nicht eine, sondern zwei Personen fragen, weil ich gerne ihr Feedback gegenüberstellen wollte. Mich interessierte, ob sie über dieselben Textstellen stolpern und wo ihre Meinungen auseinandergehen würden.
Und natürlich fallen zwei Augenpaaren mehr Unstimmigkeiten auf als nur einem.
Wer waren meine Testleser?
Die Wahl fiel schließlich auf meinen festen Freund, der selbst viel liest und der einen ähnlichen Lesegeschmack hat wie ich. Er kann sachlich und nachvollziehbar argumentieren und ist ehrlich.
Zudem fragte ich eine gute Schulfreundin. Sie hat Germanistik studiert, mehrere Jahre beruflich geschrieben und liest ebenfalls viel.
So war das Feedback meiner Testleser:innen
Nach etwa zwei Wochen erreichte mich dann das Feedback meiner Testleser:innen. Im Folgenden teile ich mit euch ein paar Kritikpunkte, die sie äußerten.
Diese Kritik äußerte meine Schulfreundin:
Beispielsweise merkte meine Schulfreundin an, dass ich in den ersten beiden Szenen zu viele Figuren mit Namen samt Hintergrundgeschichten vorstellte. Dadurch hatte meine Testleserin Schwierigkeiten, einen Einstieg in die Geschichte zu finden. Richtig gepackt hat sie erst die dritte Szene, die auf Seite 14 begann − viel zu spät.
Zudem kritisierte meine Freundin, dass ich die Motivation der Hauptfigur nicht ausreichend erläuterte. Die Hauptfigur bewirbt sich auf ein Stipendium und setzt am Ende illegale Mittel ein, um sich dafür zu qualifizieren. Sie geht also ein großes Risiko ein, aber trotzdem fiebert der Leser nicht mit ihr mit.
Was sagte mein Freund zum Manuskript?
Er klopfte meine Geschichte vor allem nach inhaltlichen Fehlern ab. An einer Stelle im Manuskript schrieb ich über „Birkenwälder“ ohne weiter darüber nachzudenken. Er erklärte mir: „Birken sind Pionierpflanzen, deshalb gibt es kaum Birkenwälder“.
An einer anderen Stelle im Manuskript schrieb ich: „Sie deutete auf ein Bild, auf dem in einem dramatischen Chiaroscuro Lachs-Nigiri in der Pfanne kross gebraten wurden“. Er kommentierte, dass er „Chiaroscuro“ hatte nachschlagen müssen und dass mein jugendliches Lesepublikum wahrscheinlich ebenfalls über das Fremdwort stolpern würde.
Diese Probleme musste ich lösen:
- Ich verlor meine Leser:innen, bevor es mit der Handlung richtig losging.
- Meiner Geschichte fehlte es an Spannung.
- Ich hatte oberflächlich gearbeitet und dabei Fehler in meiner Welt eingebaut.
- Fremdwörter schufen eine ungewollte Distanz zwischen Text und Leser:innen.
Wie das Feedback die Geschichte verbesserte
Die ersten 13 Seiten von Szene Eins und Zwei kürzte ich auf eine einzige Szene auf insgesamt acht Seiten. Um das zu erreichen, musste ich einige Absätze komplett streichen. Andere konnte ich an späteren Stellen in der Geschichte und dort sogar ausbauen, zum Beispiel die Familiengeschichte der Nebenfigur Cedric Truffaut, genannt Trüffel.
Damit die Leser:innen die Motivation der Hauptfigur besser nachvollziehen würden können, schrieb ich eine neue Szene, in der ich ihre Wohnsituation in einer tristen Plattenbausiedlung beschreibe. Es entsteht ein Kontrast zwischen der dortigen Perspektivlosigkeit und Armut, in der die Hauptfigur aufgewachsen ist und der Zukunftschancen und dem sozialen Aufstieg, dem ihr das Stipendium verspricht.
Aus „Birken- und Kieferwälder“ machte ich in der neuen Fassung „windschiefe Kieferwälder und magere Birkenhaine“, um die langweilige Landschaft zu beschreiben, die die Heimatstadt meiner Hauptfigur umgibt.
Den Satz, in dem „Chiaroscuro“ vorkommt, habe ich komplett gestrichen.
Ich löste die Fehler und das war das Ergebnis:
- Die Leser:innen finden einen schnelleren Einstieg in die Geschichte. Nebenfiguren werden an späterer Stelle vorgestellt, erhalten mehr Raum und dadurch mehr Tiefe.
- Der Kontrast zwischen schlechter Ausgangssituation und dem erhofften besseren Leben in der Zukunft verleiht der Geschichte Spannung.
- Ich löschte und/ oder korrigierte inhaltliche Fehler und Fremdwörter.
- Die Glaubwürdigkeit meiner fiktiven Welt wurde erhalten.
- Der Text rückte näher an die Zielgruppe.
Konstruktive Kritik ist Gold wert
Die konstruktive Kritik meiner beiden Testleser:innen war das Beste, was meiner Geschichte passieren konnte.
Viele Aspekte, die sie störten, waren mir selbst nicht aufgefallen. Zu jenem Zeitpunkt war ich noch zu sehr in der Autorenperspektive gefangen. Dem frischen Blick meiner Testleser:innen entgingen weder inhaltliche Fehler noch Lücken.
Natürlich zog ihr Urteil Arbeit nach sich.
Aber sobald ich ihren Kritikpunkten nachgekommen war und die vorherige Fassung des Manuskripts mit dem darauffolgenden verglich, stellte ich erfreut fest:
Meine Geschichte hatte sich deutlich verbessert.
👍❤️🙂
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Deine Mira Farland
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