Im Hotelzimmer versacken
Halb drei Uhr nachts, ich kann nicht schlafen. Es ist die Nacht von Donnerstag auf Freitag und ich habe sie vergeudet. Vor meiner Reise zur Leipziger Buchmesse stellte ich mir vor, wie ich in diesen Stunden durch die Bars von Leipzig ziehen würde, ein Bierchen hätte ich auch gezischt und natürlich (!) würde ich in einer von Rauchdunst verhangenen Bar den Lektor oder die Lektorin kennenlernen, die meinem Jugendbuch zur Veröffentlichung verhelfen würde.
Ich hätte es endlich geschafft: Dem feuchtfröhlichen Netzwerken sei dank, das tausendmal besser ist als alles, was ich bisher unternommen habe, um meinen Roman an den Menschen zu bringen. Webseite und Youtube − wer braucht das schon, wer mit den richtigen Leuten einen heben kann?
So dachte ich und schreibe mein „So dachte ich“ im Hotelbett nieder. Um halb drei Uhr nachts, wie gesagt.
Wie kam es zu diesem Totalschaden namens Im Hotelzimmer versacken, wenn man stattdessen nur ein paar Straßen weiter die Lektoren und Verleger bearbeiten könnte, dass sie mir eine Chance geben? Genau deshalb bin ich doch nach Leipzig gereist!
Naja, lest mal weiter, wenn euch der Sinn nach ein bisschen armer Poet steht.
Milchpumpe, weil knallvolle Brüste
Wahrscheinlich werde ich es morgen bereuen, wenn ich mir den Beitrag nochmal nach dem ersten Kaffee durchlese (dass ich heute Nacht noch einmal Schlaf abbekomme, kann ich mir gerade nicht vorstellen). Ist ziemlich privat, was jetzt folgt, aber egal jetzt: Ich stille meine fast zweijährige Tochter noch. Sie kann einfach nicht anders einschlafen als an meiner Brust und alle, die Kinder haben, werden mich verstehen, weil als übermüdete Eltern ist man zu fast allem bereit, damit der geliebte kleine Scheißer schläft.
Bei mir heißt das konkret, dass ich abpumpen muss, wenn ich meine Tochter nicht andocken lassen kann. Weil die Brüste sonst knallvoll mit Milch sind und das tut verdammt weh und kann sogar in einer Brustentzündung münden. Deshalb war ein absolutes Must in meinem Koffer nicht nur das schicke Glitzeroberteil, sondern auch die Milchpumpe.
Versteht ihr jetzt auch, warum ich unbedingt vom Bierchenzischen geträumt habe? Ich habe das seit drei Jahren nicht mehr gemacht, weil ich meiner zuckersüßen Knutschkugel keine Alkoholmilch verabreichen möchte.
Und versteht ihr auch, warum ich vorzeitig ins Hotel bin? Genau. Ich musste an die Pumpe, weil Schmerzen in linker und rechter Brust.
Duschen
Nach der zehnminütigen Session an der Milchpumpe stellte ich fest, dass eine Dusche auch ganz nett sein könnte. Sowieso wollte ich mich ja auch umziehen, in den schicken Glitzerfummel rein um zu strahlen wie der nächste Stern am Literaturhimmel.
Nach der Dusche war mir irgendwie kalt. Ich warf mich aufs Bett, schaltete den Fernseher an. Es lief Germany’s Next Topmodel. Ich schaute den Models beim Knutschen zu und wärmte mich unter der Daunendecke auf, die nach Süßholzwurzel roch.
Ein Gimbal, das nicht mit mir befreundet sein will
In einer der Werbepausen dämmerte es mir, dass ich meine Zeit vergeudete. Ich könnte doch mal was Nützliches tun, solange ich noch die Vorzüge des Hotel-WLANs genoss (bevor es mich in die wilde Leipziger Nacht verschlagen würde):
Ein Tutorial über das Gimbal gucken, das ich mir extra für die Leipziger Buchmesse für teures Geld gekauft hatte.
Also schaute ich das 15-Minuten-Video und traute mich danach, den Selfiestick aus dem Dings rauszuziehen und auch, die Standfüße in dem Dings aufzuklappen. Es würde mir doch sehr für den morgigen Tag nützen, wenn mir meine großen Idole über den Weg liefen. Ich hätte Goldcontent für meinen Youtube-Kanal superprofessionell abgedreht, der mir viele, viele Likes unter meinen drei (na dann mit dem neuen Content eben vier) Videos bescheren würde.
Also steckte ich mein Handy aufs Gimbal − wie im Video beschrieben − und das Dings vibrierte so furchtbar wütend, dass ich es mit der Angst zu tun bekam. Das war kein normales Vibrieren! Der Motor lief heiß! Und plötzlich erschlaffte der verlängerte Roboterarm und mein Handy baumelte in Schräglage besiegt daran. Im Hintergrund hörte ich Leni Klum mit einer anderen Frau, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, die barocke Tanzperformance der Models kommentieren mit einem „I agree“.
Ach, fuck.
Die Nadel im Heuhaufen finden
Ja, es ist ein bisschen komisch. Aber eigentlich ist es tragisch. Unter meiner Hotelzimmerbummelei steckt eigentlich etwas ganz anderes. Ich würde nicht so weit gehen, dass ich es Verzweiflung nenne, aber mein Gemütszustand kommt dem doch ziemlich nahe.
Ich habe nur noch morgen, verdammt!
Völlig übermüdet muss ich mich zwingen, mich dem Messegeländegewimmel von meiner Autorenschokoladenseite zu zeigen, weil jede:r, der:die mir über den Weg läuft, könnte meine Nadel im Heuhaufen sein:
Die Verlegerin, der Lektor − jemand, der mir endlich hilft, mein Jugendbuch zu veröffentlichen.
Das war ja mein Ziel, deshalb bin ich in Leipzig. Deshalb pumpe ich ab und blende aus, dass meine Tochter weint, weil ich nachts nicht wie gewohnt an ihrer Seite bin. Deshalb dusche ich mich, weil ich will, dass man mich gut riechen kann, obwohl ich mich eigentlich sofort in den Qualm und Schweißdunst der nächsten Stinkerraucherkneipe hätte werfen wollen (und sollen, wie ich schmerzlich feststelle). Deshalb habe ich mir ein scheißteures Gimbal gekauft.
Und jetzt habe ich mich auch noch um eine weitere Stunde Schlaf gebraucht, um mir den Mist hier von der Seele zu tippen, den ich vielleicht gar nicht auf meinem Blog hochladen werde. Hühnerkacke. Und wenn doch, ach sei’s drum: Wer liest das schon?
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