Die Literaturkritik hinterfragt das Jugendbuch
„Was kann das Jugendbuch, was andere literarische Formen nicht vermögen?“
Diese Frage stellt der Literaturkritiker Denis Scheck in der druckfrisch-Folge vom 18. Januar 2026 der Schriftstellerin Ursula Poznanski, die mit dem Thriller Erebos einem großen jugendlichen Publikum bekannt wurde.
In diesem Beitrag möchte ich dem Potenzial des Jugendbuchs nachgehen, weil:
Auch ich habe ein Jugendbuch geschrieben.
Im Folgenden werde ich erläutern, weshalb ich mich dieser Form zugewandt habe.
Jugendliche lesen auch Erwachsenenliteratur
Jugendliche haben sich schon immer selbst die Bücher ausgesucht, die sie interessierten.
Der Schriftsteller J.D. Salinger hatte für sein Werk Der Fänger im Roggen ursprünglich ein erwachsenes Publikum im Sinn. Aber es waren die Jugendlichen, die das Werk für sich auserkoren, weil es das Lebensgefühl ihrer Generation wiedergab.
Als Jugendliche las ich unter anderem die Kurzgeschichten von Roald Dahl, die ich zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht richtig verstand, aber ich mochte sie trotzdem. Kein Erwachsener drückte sie mir in die Hand und sagte, ich solle sie doch lesen. Sie standen im Bücherregal in unserem Wohnzimmer, an dem ich mich bedienen durfte, wie ich wollte.
Das ist das Jugendbuch für mich
Trotzdem gibt es das Genre Jugendbuch − und mit schicken Farbschnitten und durch BookToks sind dazugehörige Werke so präsent wie nie zuvor.
Als Autorin sehe ich im Jugendbuch mehr als einen hübschen Dekogegenstand oder ein billiges Verkaufsversprechen:
Ich habe die Zeit zwischen meinem 15. und 20. Lebensjahr sehr intensiv erlebt. Die Jahre haben mich stark geprägt und ich stelle fest, dass es vieles gibt, was ich literarisch verarbeiten möchte − für mich und für andere junge Menschen.
Ich kann mich noch sehr gut an meine Unsicherheiten erinnern, an Konflikte in Familie und Schule und an verrückte Erlebnisse. Vieles davon habe ich damals in meinen Tagebüchern festgehalten und ich fühle mich deshalb der Jugendlichen, die ich war, noch sehr nahe.
Was macht das Jugendbuch aus?
Über diese Frage habe ich lange nachgedacht, denn die Jugendbücher, die ich gelesen habe, konnte ich auf keine pauschalen Eigenschaften festnageln.
Genau wie bei Erwachsenenliteratur teilen Jugendbücher weder die eine Erzählperspektive, noch dieselbe Erzählzeit oder sind alle in dem einen konkreten Genre zu verorten.
Jugendbücher können geschrieben sein:
- Aus der Sicht eines auktorialen oder personalen Erzählers
- In der Vergangenheitsform oder im Präsens
- Als Thriller, Abenteuergeschichte, Coming of Age, Fantasy, uvm.
Ihre Ansprüche können sein:
- Mit Witz und Spannung unterhalten
- Kontroverse Themen und Tabus ansprechen
- Aufklären und zum Nachdenken anregen
Vor allem die Bücher, die ein Publikum ab 16 Jahren ansprechen wollen, sind − wie ich finde − kaum von Erwachsenenliteratur zu unterscheiden.
Keine scharfen literarischen Trennlinien
Vielleicht gibt es ja gar keine konkreten Eigenschaften, die ausschließlich auf Jugendbücher zutreffen.
Für Ursula Poznanski gibt es zwar Trennlinien zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur, aber sie sind nicht sehr scharf. Ihr Anspruch als Autorin ist deshalb:
„Ich versuche, im Jugendbuch genauso komplexe Geschichten zu erzählen, wie ich das für Erwachsene tue.“
Erwachsene lesen auch Jugendbücher
Jugendbücher können zu Klassikern werden, die uns ein Leben lang begleiten. Wir kehren immer wieder zu ihnen zurück und fühlen uns in unser jugendliches Ich ein. Auch noch als Erwachsene finden wir in ihrer Lektüre Freude und Trost.
Vielleicht lesen wir sie aber auch einfach deshalb gerne, weil sie sehr gute Geschichten erzählen und literarisch wertvoll sind.
Mit Tschick wollte Wolfang Herrndorf ursprünglich ein Jugendbuch schreiben. Er schuf ein Werk, dessen Lektüre Literaturkritiker auch Erwachsenen empfehlen.
„In 50 Jahren wird dies noch ein Roman sein, den wir lesen wollen. Aber besser, man fängt gleich damit an“ (Felicitas von Lovenberg: Frankfurter Allgemeine Zeitung).
Die Zielgruppe meines Romans
Als ich mit der Arbeit an meinem Jugendroman begann, hatte ich sehr schnell eine mögliche Zielgruppe vor Augen. Ich wollte eine Geschichte vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 16 und 20 Jahren schreiben.
Sie stehen vor vielfältigen Herausforderungen:
- Als Jugendlicher hinterfragt man oft die Entscheidungen und das Verhalten der Eltern, und ist trotzdem gezwungen, sich danach zu richten.
- Alltag und Freizeit richten sich nach den finanziellen und zeitlichen Möglichkeiten der Eltern und nach dem Stundenplan in der Schule.
- In der Schule muss man dem Notendruck standhalten und seinen Platz in einer Klassengemeinschaft finden, die man sich nicht selbst aussuchen kann.
Es ist nicht einfach, für sich selbst einzustehen und sich selbst Freiheiten zu erkämpfen. Als Autorin finde ich es wichtig, die Konflikte Jugendlicher in Büchern zu verarbeiten. Sie können sich verstanden fühlen. Die Lektüre kann einen Anlass bieten, über die eigenen Schwierigkeiten und Wünsche zu reflektieren und mit anderen zu sprechen.
Der Grundkonflikt in meinem Jugendroman
Passe ich mich meinem Umfeld an oder begehre ich auf?
Auch die Antwort auf das Wie fordert Jugendliche heraus, also:
Wie weit passe ich mich an? Wie weit kann ich in meiner Rebellion gehen?
Mit diesen Fragen muss ich auch meine Hauptfigur Luna Krachitz beschäftigen. Der Grundkonflikt in meinem Jugendroman dreht sich um Lunas berufliche Zukunft:
Die 17-Jährige wohnt noch Zuhause und steht kurz vor dem Abitur. Da sie eine sehr gute Schülerin ist, träumt sie davon, nach der Schule im Ausland zu studieren. Aber ihre Eltern sind dagegen − zu groß ist ihre Angst, die Tochter „an die feinen Pinkel“ aus der Universität zu verlieren. Sie fühlen sich dem Arbeitermilieu zugehörig und sehen ein Studium auch aus finanzieller Sicht kritisch.
Luna ist innerlich zerrissen, entfernt sich aber auch von ihren Eltern, die ihre eigenen Unsicherheiten und Vorurteile über die Zukunft von Luna stellen. Ob sie sich gegen den Willen ihrer Eltern doch zum Studium entscheiden kann, darum geht es in meinem Jugendroman.
Anspruchsvoller Stoff und gute Unterhaltung
Der Jugendroman vermag genau das, was auch andere literarische Formen vermögen.
Er richtet sich primär an junge Menschen und thematisiert Konflikte, die eng mit ihrer Lebensrealität verknüpft sind. Der Stoff kann genauso komplex und anspruchsvoll sein wie der, an dem sich die Erwachsenenliteratur bedient. Muss er aber nicht. Genauso gut kann ein Jugendbuch unterhalten. Erwachsene Leser wollen auch gerne abends bei einem Buch einfach abschalten.
Als Autorin eines Jugendromans wollte ich den Herausforderungen und dem besonderen Alter meiner Zielgruppe gerecht werden. Ich habe mich nie in der Sprache oder im Ausdruck zurückgehalten − weil ich als jugendliche Leserin genauso ernst genommen werden wollte wie heute als Erwachsene.
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