Die magische Grenze der ersten 50 Seiten überschreiten

Es war verrückt: Nach ein paar Wochen hatte ich für mein erstes Buch bereits über fünfzig Seiten geschrieben.

Fünfzig Seiten machen zwar noch keine vollständige Geschichte.

Während des Schreibens daran hatte ich jedoch etwas Wichtiges gewonnen: Die Überzeugung, dass ich diese Geschichte tatsächlich zu Ende bringen konnte.

In diesem Beitrag erzähle ich, wie ich schließlich die magische Grenze der ersten fünfzig Seiten übersprang und erfolgreich den Marathon bis zum fertigen Roman lief.

Organisieren hilft

Rückblickend würde ich sagen, dass ich dieses Erfolgserlebnis vor allem der Art verdanke, wie ich meine Schreibdateien organisierte.

Das klingt zunächst profan und wenig romantisch. Tatsächlich hat mir diese Organisationsweise sehr geholfen:

  • Ich behielt den Überblick über das bereits Geschriebene.
  • Mein Schreibfluss wurde nicht unterbrochen.
  • Ideen, die noch nicht den richtigen Platz gefunden hatten, gingen nicht verloren.

Kurz erklärt: Ich schrieb immer nur in einer Textdatei, dem aktuellen Entwurf. Sobald ich an einen Punkt kam, an dem das Geschriebene überarbeitet werden musste, machte ich davon eine Kopie und schrieb in dieser weiter.

Entwurf 0 – freies Schreiben

Zu Beginn erstellte ich ein Dokument, das ich E0_[Arbeitstitel der Geschichte] nannte. Das „E“ steht für Entwurf.

Dieses frühe Stadium könnt ihr euch wie ein ausführliches Brainstorming vorstellen. Ich wollte herausfinden, wie viel ich allein aus meiner ursprünglichen Idee entwickeln konnte.

Bereits in E0 passierten wichtige Dinge:

  • Meine zweite Hauptfigur nahm Gestalt an.
  • Die Welt der Geschichte begann Form anzunehmen.
  • Erste Nebenfiguren tauchten auf.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich allerdings noch nicht, welche Rolle diese Figuren später spielen würden. Außerdem gab es in E0 noch keine feste Chronologie.

Nach etwa fünfzig Seiten hatte ich eine große Menge an Ideenmaterial gesammelt. Gleichzeitig entstand der Wunsch, daraus eine erste grobe Struktur zu formen.

Entwurf 1 – die ersten Ideen ordnen

Also erstellte ich eine Kopie von E0 und nannte sie E1_[Arbeitstitel].

Der Vorteil dieser Methode:
E0 blieb als ursprüngliche Ideensammlung vollständig erhalten, während ich in E1 frei mit dem Material arbeiten konnte.

In E1 begann ich:

  • Absätze zu verschieben
  • Szenen weiter auszuarbeiten
  • Bezüge zwischen einzelnen Szenen herzustellen

Viele wilde Ideen wuchsen hier erstmals zu einer groben Handlung zusammen.

Neben ausführlichen Szenen gab es hier noch Abschnitte bestehend aus nur wenigen Sätzen. Es handelte sich um Notizen für mich, mit denen ich Handlungslücken überbrücken wollte und die ich später ausformulieren wollte.

Nachdem ich E0 vollständig durchgearbeitet hatte, war E1 bereits auf 80 Seiten angewachsen.

Es wurde Zeit für Entwurf 2.

Entwurf 2 – die Sprache rückt in den Fokus

Wieder erstellte ich eine Kopie – diesmal von E1.

In E2_[Arbeitstitel] schrieb ich die Notizen (man könnte sie auch Lückenfüller nennen) zu ganzen Szenen aus. Gleichzeitig konzentrierte ich mich stärker auf die Sprache und

  • formulierte viele Passagen neu,
  • suchte nach passenden Vergleichen und Metaphern und
  • kürzte Dialoge.

Ein größerer Teil meiner finalen Fassung stammt tatsächlich noch aus E2.

Aus E0 und E1 hat es hingegen kaum etwas in die endgültige Version geschafft – dafür waren die Änderungen in E2 zu umfangreich.

E2 wuchs schließlich auf 107 Seiten an.

Entwurf 3 – das Tempo der Geschichte erhöhen

Als ich E3_[Arbeitstitel] erstellte, hatte ich das Gefühl, dass meiner Geschichte an Geschwindigkeit fehlte.

Ein Beispiel:

Eine meiner Hauptfiguren möchte unbedingt etwas tun, benötigt dafür jedoch die Erlaubnis ihrer Eltern.

In E2 hatte ich dazu zwei Szenen geschrieben:

  • In der ersten Szene streitet sich die Figur mit ihrer Mutter.
  • In der zweiten Szene spricht sie mit ihrem Vater, der den Wunsch ebenfalls ablehnt.

Beide Szenen gefielen mir, weil ich darin die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Eltern und den sozialen Hintergrund der Familie darstellen konnte.

Das Problem:
Das Ergebnis war in beiden Fällen identisch. Die Hauptfigur erhielt zweimal eine Absage.

Zwei lange Szenen führten die Geschichte also nur einen Schritt weiter.

Oder anders gesagt: Die Geschichte trat auf der Stelle.

Ich entschied mich, das Problem zu lösen, indem ich beide Szenen zusammenführte. Die Hauptfigur musste nun gleichzeitig Mutter und Vater die Stirn bieten.

Das Ergebnis gefällt mir bis heute deutlich besser:
Die Szene ist spannender – und die Handlung kommt schneller voran.

Entwurf 4 – das erste Selbstlektorat

In E4_[Arbeitstitel] überarbeitete ich E3 erneut – diesmal besonders sorgfältig.

Diese Phase war eine Art erstes Selbstlektorat. Ich arbeitete weiter an der Sprache und achtete unter anderem darauf, dass jede Figur einen eigenen, wiedererkennbaren Sprachduktus hatte.

Diese Version schickte ich schließlich an meine beiden Erstleser.

Ihr Feedback arbeitete ich anschließend in einer neuen Datei ein, die ich Manuskript 1_[Arbeitstitel] nannte. Über diesen Schritt schreibe ich in einem späteren Blogbeitrag noch ausführlicher.

Fazit: Schreiben ist auch Organisation

Autoren brauchen ein gutes System, um ihre Ideen zu organisieren.

Dass ich die Entwürfe kopierte und nur an der aktuellen Datei arbeitete, hatte einen entscheidenden Vorteil: Ich bremste mich nicht, weil ich in einer Schreibdatei ständig zurücksprang.

Ich habe einen Weg gefunden, den Überblick über mein Material zu behalten, keine Idee zu verlieren und gleichzeitig im Schreibfluss zu bleiben.

Für das nächste Schreibprojekt werde ich sicherlich wieder so vorgehen.

Hinterlasse einen Kommentar